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Oktober 2018

 

Schon wieder ist ein Jahr um. Vor einem Jahr kamen wir von unserem vierwöchigen Urlaub aus Korsika zurück, ganze zwei Jahre ist es schon her, dass wir von unserer Weltreise wieder in Deutschland ankamen.

Mit dem Heimkommen haben wir uns schwergetan, und wir tun es noch. Jetzt weiß ich, dass es beinahe allen Reisenden so geht. Das Losfahren ist schwer. Aber es ist gar nichts im Vergleich zum Nach-Hause-Kommen. Für uns fühlte es sich an, als würdest du aus Tempo 200 eine Vollbremsung hinlegen. Es quietscht und scheppert und qualmt – und dann findest du dich in einer beschaulichen Heile-Welt-Kulisse wieder, mit sauberen Toiletten, Autobahnen, die diesen Namen verdienen, adretten Orten und Vorgärten. Du machst das Fernsehen an und schüttelst den Kopf ob der lächerlichen Banalitäten, die hier eine Nachricht wert sind. Du siehst deine Freunde wieder, deine Familie – das ist schön. Aber nach einem kurzen „Hallo“ und ein paar launigen Reisegeschichten gehen alle wieder zur Tagesordnung über. Alle haben wahnsinnig viel zu tun.

Und du stehst da und hast Fernweh, aber sowas von. Willst am liebsten sofort wieder los. Nur weg hier.

Genauso ging es uns. Darauf waren wir nicht wirklich vorbereitet.

Vor unserer Reise haben wir in Frankreich gewohnt, sehr nett, sehr ländlich. Ziemlich entspannt. Da wir unsere Reise mit offenem Enddatum antreten wollten, war klar, dass wir unser Zuhause aufgeben müssen. Nur so hatten wir so gut wie keine Fixkosten mehr. Nur so konnten wir unsere Reise überhaupt realisieren. Alles, was entbehrlich schien, haben wir gekündigt, verkauft, verschenkt oder entsorgt. Drei Jahre lang haben wir unsere Ausrüstung zusammengekauft und gespart. Alles für diesen magischen Moment – den ersten Reisetag.

Tagebuch Clelia, erster Eintrag, Samstag 13. Februar 2016

    • Flug mit Eurowings nach Dubai
    • 99,98€ p.P.
    • Ankunft 02.25 Uhr, Luft 28 Grad
    • Es geht tatsächlich los
    • Smiley

 

Umso härter war das Zurückkommen. Die ersten Tage und Wochen zogen wir also in Jürgens altes Kinderzimmer bei seinen Eltern. Die Höchststrafe, so fühlte sich das an.

Hinzu kam, dass wir uns um beide Eltern große Sorgen machen mussten. Sie waren ziemlich wackelig auf den Beinen, pflege- und hilfebedürftig. Ohne sanften Übergang wurden wir in eine für uns komplett neue Welt katapultiert – dem deutschen Pflegesystem. Wir schlugen uns mit Behörden herum, um Pflege und Hilfe zu finden und bezahlen zu können. Das war alles andere als schön und so manches Mal waren wir sprachlos angesichts der unmenschlichen Bürokratie. Statt Reiseblogs zu schreiben waren wir im Blog „Pflege für Angehörige“ angemeldet (welchen wir im Übrigen sehr empfehlen können).

Ohne uns, allein auf sich gestellt, hätten das die Eltern nicht hinbekommen. Und auch wir stießen oft an unsere Grenzen. Aber wir haben es letztlich geschafft, Pflegegeld beantragt und bekommen, Hilfe organisiert und uns um Vater und Mutter gekümmert. Damit sind wir mit uns und unserem Reiseende dann auch im Reinen.

Aber wir hatten kein Zuhause. Das, glaube ich, würden wir heute wohl anders machen. Auch wenn es nur ein klitzekleines Zimmerchen wäre, einen Ort, wo man wieder HEIM kommt, brauchen wir schon irgendwie.

Andererseits waren wir nun für alles offen, auch für neue Jobs. Denn Geld hatten wir keines mehr. Die Unfälle und die damit verbunden ungeplanten Kosten für Ersatzteile, Flüge, Taxis und Hostels hatten große Löcher in die Reisekasse gerissen. In Kanada erlebten wir dann einen Preisschock und gingen dort gar nicht gerne in den Supermarkt. Wir sind während der Reise immer sparsamer, bis zur Geizgrenze geworden. Trotzdem schmolzen unsere Dollars wie Schnee in der Sonne. Unsere neue Reisebegleiterin, die BMW 1150 GS, sollte auch mit nach Hause, denn unsere beiden treuen Gefährten standen ja bei muztoo in Kirgistan. Alles ziemlich kompliziert...

Also mussten Jobs her, und zwar schnell. Das klappte dann zum Glück auch ziemlich gut und so wurden wir sieben Wochen nach unserer Rückkehr wieder bürgerlich und gingen jeden Tag zur Arbeit, wie Millionen andere auch. Wir zogen in eine Wohnung, hatten zwei Autos, mussten zum Frisör, brauchten Klamotten. Unsere Anwesenheit auf Arbeit wurde auf Zeitkonten erfasst. Überstunden und Urlaub wurden bezahlt.

Und so lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage, würde es jetzt heißen, wäre dies hier ein Märchen.

Wir haben dieses Leben gehasst. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat verging, und unsere Lebenszeit rieselte einfach so dahin. Wie intensiv war jeder Tag hingegen auf der Reise gewesen. Obwohl wir ja nun wirklich viel Pech hatten – zwei Unfälle – war diese Reise für uns beide ein unvergessliches Erlebnis. Wir haben uns anstrengen müssen, haben uns gestritten, haben uns zusammengerauft, haben gemeinsam alles geschafft. Und wir hatten viele Glücksmomente, unglaublich schöne Erlebnisse, intensive Begegnungen, sagenhafte Landschaften, eine ganz intensive Zeit zusammen.

Jetzt waren wir beide Mitte 50 und unser Leben dümpelte so vor sich hin. Besonders erschreckend fand Clelia, wenn etwa gleichaltrige Kollegen schon die Monate oder Jahre bis zu ihrem Renteneintritt ausgerechnet hatten und herbeisehnten.

So wollten wir nicht weiter machen.

Zeit für etwas Neues.

Die beschauliche Weihnachtszeit im vergangenen Jahr nutzten wir für einen innerlichen „Break“ - wir fragten uns, wie wir weiter leben wollten. Sollten wir nicht dankbar und zufrieden sein mit unseren beiden Angestelltenjobs? Haben wir nicht ein Luxusproblem? So vielen geht es so viel schlechter als uns. Warum fühlen wir uns nicht gut?

Seit ein paar Wochen führte Clelia ein Tagebuch. Hier schrieb sie jeden Abend kurz hinein, wie sie sich fühlte. Es gab in 100 Tagen einen einzigen Tag, der sich gut angefühlt hatte. Das ist keine gute Quote...

Jürgen ging es ähnlich. Immer wieder stellten wir uns die Frage, ob es ans liegt, ob wir uns so derart verändert hatten, ob wir Aliens geworden waren. Sehr wahrscheinlich schon ein bisschen.

Wir überlegten uns, wie für jeden von uns ein perfektes Leben aussehen würde. Erst Jürgen, dann Clelia – jeder für sich. Viele Punkte waren gleich. Am wichtigsten für jeden von uns ist es, selbstbestimmt zu leben. Unsere persönliche Freiheit geht uns über alles.

Wir nahmen uns Zeit und entwickelten einen Plan.

Heraus aus der vermeintlichen Komfortzone, die sich zunehmend eng und schlecht angefühlt hat.

Hinein in das Abenteuer Selbstständigkeit, das sich zunehmend gut anfühlt.

Unsere Wohnung im beschaulichen Ländle haben wir dann im Frühjahr gekündigt, ebenso Jobs, die uns beide unglücklich machten. Jürgen arbeitete fortan als Freelancer und Clelia hatte zum ersten Mal in ihrem Leben ZEIT und konnte sich einem lange schlummernden Herzensprojekt widmen – ein Buch zu schreiben.

Traurig, im April mussten wir uns von Jürgens Vater für immer verabschieden.

Seit Mai leben wir in dem Wohnmobil, das Jürgen mit seinem Vater vor über 30 Jahren gebaut hat und mit dem die Eltern viele schöne Reisen erlebt haben. Wir vermissen nichts, im Gegenteil.

Viele würden dies als unsicher empfinden, wir empfinden es als Freiheit.

Wir haben in diesem Jahr keine große Motorradtour gemacht, aber viele kleine Fahrten. Nicht mal Urlaub hatten wir. Dabei war es im letzten Jahr die Weigerung unserer beiden Chefs, uns 30 Urlaubstage am Stück zu geben, gewesen, die das Fass schließlich zum Überlaufen brachte. Wir wollten eigentlich mit unseren noch in Kirgistan stehenden Motorrädern in die Mongolei fahren. Aber das macht man halt nicht, wenn das alle machen würden, wo kämen wir denn hin… Thema erledigt.

Heute empfinden wir beide eine enorme Steigerung unserer Lebensqualität.

Wir haben Spaß an unserer Arbeit.

Wir haben Zeit für uns, Zeit für unsere Freunde. Wir haben jede Menge neue Leute kennengelernt, allesamt mit unorthodoxen Lebenskonzepten und allesamt glücklich und zufrieden, auch - oder gerade - ohne klassische Karriere und mit wenig(er) Geld.

Es fühlt sich gut an.

Es war richtig.

Juli 2018 - zu Gast auf der Abenteuer Allrad in Bad Kissingen

 

August 2018 – Freunde wieder treffen

 

August 2018 – HU Treffen in der Schweiz, mit vielen alten und neuen Freunden

(Foto timetoride)

 

Jetzt, am Ende dieses phantastischen Sommers, haben wir uns eingelebt in unserem neuen selbstbestimmten Leben. Das Leben auf dem Campingplatz werden wir demnächst guten Mutes beenden und in eine kleine schnuckelige Garage mit Wohnung und Garten einziehen. Das soll für die nächste Zeit unsere Homebase werden und möglichst bleiben. Von hier aus wollen wir immer wieder losfahren, wann immer es möglich sein wird.

Traurig, Jürgens Mutter ist sehr krank, sie will zu ihrem Ehemann...

Wir sind da und kümmern uns um sie.

Wir werden beide weiter selbstständig arbeiten. Jeder von uns hat tolle Projekte. Aber wir sind niemandes Sklave, wir selbst sind unsere eigenen Sklaventreiber – sicherlich die härteren. Wir verdienen genug Geld für uns. Es geht uns gut.

Und wir haben ein gemeinsames Projekt. Es hat etwas mit Reisen zu tun und es hat vier Räder. Aber das wird eine eigene Story...

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