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Turkmenistan03

Dann passiert es. Es ist Montag, der 02. Mai, einen Tag vor Ablauf unserer Visa, und etwa 200 km vom Grenzort Dashoguz entfernt. Wir haben genügend Zeit, fahren langsam, machen alle halbe Stunde eine Pause. Der Verkehr ist erträglich, ab und zu kommt aber ein Kamikazefahrer. So einer kommt von schräg vorn angerast und streift dabei Clelia. Die schrammt mit der gesamten linken Seite an dem PKW entlang, es gibt ein schreckliches metallisches Geräusch und Clelia kracht auf die Straße. Jürgen schreit „Lebst du noch?!“ – „Ja…“

Clelia:

Aufstehen geht nicht, das linke Bein tut höllisch weh, ich habe einen Schock. Jürgen ist da, hilft mir von der Straße runter und ich liege an der Seite. Stiefel aus, Hose aus, Helm aus. Das Bein ist dick, eine 1 cm tiefe Delle ist sichtbar, das Bein ist heiß. Meine Hände tun weh. Meine Hände zittern. Ich bin bei Bewusstsein. Jemand gibt mir Wasser, redet mit mir. Wir haben für solche Notfälle starke Schmerzmittel mit, ich nehme 2 Tramadol. Mein Motorrad sieht schlimm aus. Der andere PKW ist auch da, weitere Autos haben angehalten um zu helfen.

Wir sind mitten in der Wüste. Es gibt kein Handynetz. Jemand fährt weiter und will Polizei und Ambulanz anrufen. Es ist nachmittags gegen 14.00 Uhr. Mit den Tramadol geht es mir ganz gut, ich spüre fast nichts wenn ich ruhig da liege.

Mehrere Leute wollen mich in ihrem PKW mitnehmen und in eine Klinik fahren. Ich will nicht, denn wir wollen uns nicht trennen. Einer (Jürgen) muss bei den Motorrädern bleiben. Wie soll er mich denn später finden?

Dann kommt endlich Polizei. Ich liege immer noch so da, jemand hat mich zugedeckt, Jürgen hat eine Luftmatratze geholt. Jetzt soll ich doch mit jemanden mitfahren. Sie hieven mich also in ein Auto, auf den Vordersitz, ich habe Schmerzen. Das Auto fährt auf der Buckelpiste, jede Bewegung tut weh, meine Güte. Nach einer Ewigkeit hält der PKW an, die Ambulanz ist da, wir sind denen entgegen gefahren. Jetzt kommen „Sanitäter“, die geben mir erst einmal 2 Spritzen, dann wollen sie das Bein schienen, das machen sie aber so ungeschickt und dilettantisch, dass ich den Kopf schüttele. Die Ambulanz ist ein uralter Robur, ich liege hinten drin auf einer alten Trage und werde ordentlich durchgeschüttelt. Das geht mehrere Stunden so.

Ich KANN gar nichts gebrochen haben denke ich, denn dann würde ich das gar nicht aushalten können. Ich dämmere weg und weine und tu mir leid.

Irgendwann kommen wir irgendwo an. Die Tür des Robur geht auf, mehrere Männer nehmen die Trage und tragen mich in einen kahlen Raum. Dort werde ich umgebettet, wieder wollen sie mir Spritzen geben, ich will wissen was sie da machen. Sto wui djelajete? Was machen Sie?! Sie sind das nicht gewöhnt, dass einer wissen will was sie tun. Ich verstehe nichts. Ich raste aus. Sie tasten bissel an mir rum und meinen dann, dass ich jetzt zum Röntgen soll. Zu meiner Verwunderung werde ich wieder hinaus und in den Robur getragen. Wieder fahren wir stundenlang, mittlerweile ist es dunkel, es muss nach 20.00 Uhr sein… Oh mein Gott.

Dann kommen wir wieder irgendwo an. Es ist ein altes Gebäude, wieder werde ich von Männern getragen, Rolltragen gibt es nicht. Jetzt sehe ich den Röntgenraum und es entfährt mir ein „ach du Scheiße“. Das Gerät ist wohl eines der ersten die je gebaut wurden. Ich werde geröntgt. Ich muss sagen was sie röntgen sollen. Bis jetzt ist nicht einmal ein Arzt gekommen und hat mich untersucht. Ob ich innere Verletzungen habe? Brüche? Wirbelsäulenschäden?

Ich kann das alles nicht fassen! Jetzt motze ich rum und zerre mir endlich die verfluchte Schiene ab. Das war so ein Drahtgestell, das hat mir schon die ganze Zeit ins Fleisch geschnitten, das Knie fühlt sich ganz taub an.

Jetzt kommt endlich jemand (ein Arzt?) und meint lapidar, es sei nichts gebrochen. Na, da fällt mir mehr als ein Stein vom Herzen. Jetzt, denke ich, kann alles irgendwie gut werden.

Noch eine Überraschung. Ein Mann spricht mich in perfektem Englisch an und stellt sich als Präsident des Außenministeriums der Region Dashoguz vor. Er sei hier um mir zu helfen und darauf zu achten, dass ich gut behandelt werde. Sofort kippt die Stimmung im Krankenhaus. Alle sind auf einmal sehr nett zu mir...

Ich bekomme ein „besseres“ Zimmer, das heißt ich habe es für mich allein. Ansonsten übelster Sowjetstyle, alles alt, kaputt und runter gewirtschaftet. Arme kranke Leute liegen auf Lumpen auf dem blanken Fußboden. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Keiner kann mir sagen, wo Jürgen ist. Ich liege auf einer dünnen Decke, die auf die blanken Bettfedern gelegt wurde. Mir ist mittlerweile alles egal. Ich habe brennenden Durst.

Das ist jetzt das „ABER“:

Der krasse Widerspruch zwischen der modernen wohlhabenden Hauptstadt und diesem unsäglichen Elend hier in diesem Hospital, dessen Zeuge ich nur am Rande werde, ist schwer zu ertragen. Ich habe eine gehörige Wut auf so einen Kerl, der sein eigenes Volk derart behandelt. Für mich ist das ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Der Türkmenbasy („Führer der Turkmenen“), wie sich Nyýazow nennen ließ, kürzte die Sozialausgaben drastisch. 2004 wurden 15.000 Hospitalangestellte entlassen und durch Wehrpflichtige ersetzt. Nyýazow plante alle Krankenhäuser im Land zu schließen, bis auf eines in der Hauptstadt. Anfang 2006 wurden auch die Renten und Behindertenzuschüsse drastisch gekürzt. (Quelle: Wikipedia)

Der nette Herr Außenminister fragt mich nach unseren Visa. Ich sage ihm, dass wir morgen eigentlich ausreisen müssen, dass das aber ja nun nicht geht. Er meint, das sei kein Problem. Irgendwann spät kommen dann weitere Männer, zwei sind vom Immigration Office. Sie wollen sich um die Visaverlängerung kümmern. Sie wollen wissen, was wir jetzt machen wollen. Tja, wenn ich das wüsste… Keine Ahnung, ob das Motorrad zu reparieren ist, ob wir weiterfahren können oder wollen. Ist unsere Reise hier jetzt zu Ende? Alles Möglich geht mir durch den Kopf, gleichzeitig fühle ich mich federleicht und leer.

Dann wird es übel. Jetzt kommen noch zwei Männer von der Polizei, sie haben einen Deutschlehrer dabei. Alle sind sehr laut, alle sind in dem kleinen Zimmer. Das Licht ist zu hell. Sie wollen wissen was passiert ist. Wieder und wieder und wieder. Sie wollen, dass ich eine Schuld zugebe. Was?! Sind die noch bei Trost?! Ich soll ein Protokoll unterschreiben, das kann ich aber nicht lesen, es ist in Turkmenisch. Ich unterschreibe das nicht. So geht das mehrere Stunden. Das sind Stasimethoden. Ich mache irgendwann einfach die Augen zu. Die können mich mal.

Mitten in der Nacht geht die Tür auf und Jürgen kommt. Endlich. Bis jetzt wusste er nicht wie es mir geht. Wir sind beide erschüttert. Aber als er meint, dass wir jetzt wohl nach Hause müssen, sage ich NEIN. Ich will weiterfahren. Er meint ich sei verrückt...

Wir schlafen beide endlich ein. Am nächsten Morgen geht der ganze Zirkus mit Polizei und Immigration weiter. Es sind andere Leute, die stellen die gleichen Fragen. Sie wollen wissen, ob wir Forderungen stellen. Ob sie das Motorrad reparieren müssen. Was wir jetzt machen wollen. Wieder sollen wir Sachen unterschreiben, machen wir aber nicht. Gebetsmühlenartig wiederholen wir: wir stellen keine Forderungen, aber wir geben auch keine Schuld zu. Ende.

Zu diesem Zeitpunkt wissen wir beide nicht, wo unsere Sachen und die Motorräder sind. Die Polizei hatte abends angefangen LKW anzuhalten und irgendwann einen verdonnert, beide Motorräder zur Polizeistation zu bringen, immerhin auch 200 km, ob die wollten oder nicht. Jürgen ist im Auto der Polizei mitgefahren, auch in so einem Affenzahn. Wir haben unser Geld und unsere Pässe, und sonst nichts. Ich hab nicht mal Schuhe mit.

Das geht den ganzen Vormittag so. Irgendwann schließlich soll Jürgen mit zur Immigration wo unsere Visa verlängert werden sollen. Zu diesem Zeitpunkt feilschen wir noch, ob 5 oder 10 Tage reichen. Wir wollen eigentlich in ein Hotel, schlafen, und dann will Jürgen das kaputte Motorrad checken, denn wir wissen nicht wie kaputt es ist. Erst dann können wir weitere Schritte überlegen. Soweit unser Plan.

Gegen 14.00 Uhr kommt Jürgen zurück mit der Hiobsbotschaft, die Visa werden nicht verlängert. Es sind Transitvisa und die sind nicht verlängerbar. Auf gar keinen Fall. Bis 18.00 Uhr müssen wir das Land verlassen...

Wir rufen die deutsche Botschaft in Ashgabat an. Die rät uns dringend, das Land zu verlassen, egal wie. Ob verletzt oder nicht, ob mit oder ohne unsere Sachen. Wenn wir die Zeit im Visa überschreiten, landen wir im Knast. Der hat gut reden in seinem klimatisierten weißen Büro in Ashgabat...

Der nette Herr Außenminister kann leider hier auch nicht weiterhelfen. Aber er ermittelt, wo unsere Sachen sind, bei der zuständigen Polizei, ca 1 Stunde entfernt. Dort fahren wir jetzt zusammen hin. Ich bekomme ein paar weiße turkmenische Krankenhausschuhe geschenkt, sowas hat auch nicht jeder.

Bei der Polizei ist mittlerweile auch der Fahrer des anderen PKW mit irgendeinem Kumpel. Das lässt uns nichts Gutes ahnen. Auch hier sollen wir irgend etwas unterschreiben. Ich weigere mich hartnäckig. Der andere Fahrer will von uns 500$. Wir mussten bei der Einreise eine Versicherung abschließen, haben sogar ein Zertifikat. Das interessiert hier aber niemanden.

Jürgen telefoniert wieder mit der Botschaft, die raten ihm sehr eindringlich: „Verlassen Sie umgehend das Land. Zahlen Sie. Lassen Sie alles zurück. Turkmenistan ist eines der korruptesten Länder dieser Welt, steht auf dem 3. Platz.“

Das ist das endgültige „ABER“ - Was sind denn das für Zustände?!

Uns wird ganz mulmig, die Zeit vergeht, es ist schon nach 16.00 Uhr. Die Stimmung kann jetzt schnell ins Negative kippen.

Irgendwann löst sich alles auf. Wir sollen 90$ Strafe zahlen, das machen wir. Wir unterschreiben, dass wir keine Forderungen gegen Turkmenistan stellen, dass wir gut behandelt wurden und dass alles in Ordnung ist. Dann kommt ein kleiner LKW, den die Polizei organisiert hat, das kaputte Bike und unsere Sachen werden aufgeladen, und wir sollen zur Grenze fahren. Alle sagen zwar, wir bekämen Probleme an der Grenze, wir sollen die Motorräder da lassen und sie später holen. Das machen wir aber nicht. Zurücklassen kann ich mein Bikes später immer noch an der Grenze.

Der Fahrer ist nervös, mit der Grenze will er nichts zu tun haben. Er gestikuliert und will uns vorher absetzen. Ich verstehe nix und sage immer wieder „Granitza. Granitza“, und gebe ihm einen Schein...

Es ist jetzt kurz vor 18.00 Uhr, die Grenzer machen gerade Feierabend. Sie schauen uns entgeistert an. Der jetzt plötzlich mutige kleine LKW Fahrer spricht mit ihnen, es wird herum telefoniert. Wir suchen uns freundlich aussehende Männer als Verbündete. Sie sehen ein, dass das Motorrad nicht fährt und auch nicht gerollt werden kann. Wir bekommen unsere Ausreisestempel und dürfen mit dem LKW durch das Niemandsland bis zum usbekischen Grenzzaun fahren. Dort ist dann aber Schluss.

Jetzt schauen uns usbekische Grenzer grimmig an. „Warum wollen Sie ein kaputtes Motorrad in die Republik Usbekistan einführen?“ Sie streiten heftig mit den Turkmenen, was die denen hier andrehen wollen, aber dann dürfen wir alles durch das Tor in den Grenzbereich schleppen, einschließlich das kaputte Bike.

Normalerweise käme hier jetzt ein cliffhanger. Ich mache das heute mal nicht.

Stand heute, 20. Mai 2016

Wir sind in Usbekistan eingereist, mit all unseren Sachen, mit dem kaputten Motorrad. Wir haben die ersten Tage in der nächstgrößeren Stadt in Urgansh verbracht. Das Motorrad kann repariert werden. Der Motoclub von Urgansh hilft uns dabei. Mir geht es wie man so schön sagt den Umständen entsprechend gut. Wir sind mittlerweile in ein nettes Hostel in Khiva umgezogen, die Stadt ist wunderschön. Wir versuchen jetzt unsere Visa für Usbekistan zu verlängern.

Aber das wird wirklich eine neue Geschichte.

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